"Intelligentes Überleben" – die digitale Bohème

digi

Wollen Sie tatsächlich so weiterleben? Das Problem ist, daß der eine oder andere völlig mit dem Erreichten zufrieden ist, ein geregeltes Einkommen inklusive soziale Kontakte ohne Brennpunktgesellschaft längst zur persönlichen Historie gehört. Man lebt nun in der besonderen Bohème Asociale, einer Gesellschaft ohne Wegsteuer, mit 70 Cents für den Kaffee am Kiosk und labilen Boden unter den Füßen. Welch charmantes Gefühl!
Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man holt einen Hammer, schlägt (symbolisch!) die Tür zum Kanzleramt ein und setzt sich (symbolisch!) an den Schreibtisch von Frau Kanzlerin, einfach weil man nicht mehr anders kann und nicht mehr anders mag…oder anders rum gesagt: Weil, was die kann, kann ich schon lange!

Man ist, man mag es drehen und wenden, wie man will; man ist im Laufe der Jahre eine Art Buchhalter seines eigenen Überlebens geworden.

Die andere Möglichkeit vor der verschlossenen Tür ist: Man macht kehrt und geht ins Café. Wenn man in Berlin wohnt, geht man sofort ins Café Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz, Berlin-Mitte. Ich gehe mangels Masse an ne Kiosk in ne Valentin-Bauerstrasse in Lumpehaffe.
Das Oberholz-Sankt-Cafè, wie gesagt, das ist bekannt dafür, daß hier Leute auftauchen, die nicht ins Büro gehen, nicht für billig Geld arbeiten wollen, sondern weil sie dort nicht hingehen wollen – auf `ne geregelte Maloche. Oder sie gehen dort nicht hin, weil wirklich das Büro für sie geschlossen ist. Also, die sitzen hier rum, trinken einen Kaffee und schauen stundenlang in ihren Laptop hinein. Wenn ihnen die Birne rauscht, gehen sie wieder. Geht man zu denen hin und sagt: Läuft das so jeden Tag ab?, sagen die prompt:

„Wir nennen das Arbeit.“

An alle Armutslöhner, Ein-Euro-Jobber, und an alle die, die sich freuen, daß sie zusätzlich (vielleicht „schwarz“?) mit ein paar Euros ihre Haushaltskasse aufbessern können. Vorab:

Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland bedankt sich ganz herzlich für die Atmosphäre der Ruhe und des Friedens im Lande, innerhalb derer sich die Politiker ihre Diäten erhöhen dürfen… während sich die Hartz IV-Empfänger über eine 1-Euro-Tätigkeit im Sinne sparsamer Unternehmer freuen dürfen! – Na also, ist doch alles Paletti, oder?

Na schön, denkt man, dann kann man ja völlig beruhigt zur Tagesordnung der Weltordnung übergehen. Für viele heißt das, daß sie entweder ihren Wecker verschenken dürfen, oder eben zur „Location“ sparsamen Verdienstes in aller Herrgottsfrüh verreisen dürfen. Na, das nenn ich aber ein erfülltes Leben!

Zwei von diesen jungen Leuten, die nicht mehr brauchen als einen Laptop und einen Internetzugang, haben für alle anderen Leute, die in diesem Café und in allen anderen Cafés dieser Welt oder daheim oder sonstwo mit ihrem Laptop und dem Internetzugang sitzen, ein Wort gefunden, ein wahres Zeitschlüsselwort, mit dem von einem Moment auf den anderen alles klar und anders wird: „Digitale Bohème“ (Anm.: ist auch der Titel des Buches).

Jetzt weht ein anderes Lüftchen durch das Café: Paris, neunzehntes Jahrhundert, Berlin, zwanziger Jahre, Alfred Döblin (der auch das Café Sankt Oberholz aufsuchte): das war die analoge Bohème (Leute in Cafés ohne Festanstellung und ohne Internetzugang). Heute in Berlin, Zürich und überall hier und dort: das ist die digitale Bohème (Leute in Cafés ohne Festanstellung, aber mit Internetzugang). Es gibt kein Proletariat mehr, es gibt keine Bourgeoisie, dafür (raus aus dem Mittelstandsbau mit Malochezwang) gibt es eine kleine neue Bürgerlichkeit und eine kleine neue Bohème.

„Schaffegeh“ nach bürgerlichem Modell ist out!

Es gibt so eine Art Manifest der „digitalen Bohème„, sehr flott geschrieben, von Anhängern dieser „neuen Elite„, in dem sich die Vorstellung von „Faulheit“ der verkrusteten, patinierten Bürgerlichkeit als überholt erledigt. Es ist ein Manifest, in dem erklärt wird, was mit der Welt, die ihre Welt ist, und was mit ihnen selbst los ist. Das Manifest ist von zwei noch jungen Leuten geschrieben worden, in runder Sprache, die runtergeht wie bestes spanisches Olivenöl.

Den beiden geht es offenbar gut. Sie machen unter allen guten Menschen in der Welt der Arbeit vor allem und zuerst einen Unterschied: „Sag, gehst du ins Angestelltenland, oder gehst du nicht ins Angestelltenland?“ – Hartz IVler, Armutslöhner und die von ihnen begehrten Ein-Euro-Jobs kommen darin allerdings nicht vor. Aber dennoch, sie stellen die Gretchen-Frage nach dem Sinn und Sein, und daß es keinen Sinn und kein erfülltes Dasein gibt, wenn man sich drangsalieren und knebeln läßt, durch den Unsinn unsinniger Politiker, Neurosen mobbender KollegenInnen, der Paranoia gieriger Konzernchefs. Die beiden sprechen davon mit der Emphase auf Sinngebung, nicht Sinnentstellung; Selbstbestimmung, nicht Fremdbestimmung. Sie sprechen von diesen alltäglichen und selbstverständlichen Fragen so, als kämen sie durch die Prärie auf einem Mustang dahergeprescht, im Sattel die „Wie-willst-du-leben-Frage„.

Vor der Lektüre dieses Buches konnte es völlig normal gewesen sein, morgens in aller Herrgottsfrüh aufzustehen, mit Wecker, Hund oder Kätzchen am Wecken beteiligt; durch lautes Bellen oder deutlich vernehmbares Schnurren.Nach der Lektüre dieses Buches ist das nicht mehr völlig normal, sondern mehr kraß. Draußen bewegt sich die Welt, drinnen bewegt man sich auf der Karriereleiter. Draußen steht man auf seinen eigenen schnellen Beinen, drinnen sitzt man auf seinem platten Hintern oder auf ALg II und seiner eigenen Dumpfbackigkeit feiger Anpassungsprozesse an die Verhältnisse.Draußen erwarten einen tausend Netzwerke, drinnen erwarten einen tiefe Depressionen. Draußen arbeiten die Leute so, wie sie leben wollen, drinnen leben die Leute so, wie sie arbeiten müssen.

Den Kapitalismus haut es nicht um! – Wahnsinn!

Die digitale Bohème lebt von der Hand in den Mund (sie kennt die Armut, aber dagegen kann man etwas machen, Bücher schreiben und in Verlagen mit festen Mitarbeitern herausbringen), und sie lebt von Projekten, wie die Angestellten vom Gehaltszettel und von den Aufstiegschancen zehren. Sie schmust mit den neuen WWW-Technologien und wohnt in allen Ecken der neuen WWW-Märkte wie mit Lebenspartnern auf engstem Raum zusammen, sie pfeift (in jungen Jahren) auf die Rente (die ist, bis sie alt sind, sagen sie, nichts mehr wert). Sie pfeift aber nicht auf den Pool von Kontakten (nur noch Freunde werden einem helfen, wenn man alt und klapprig ist).

Ausweg aus der Tristesse nörgelnder Vorgesetzter und drangsalierender Sozialbeamter.

Die digitale Bohème, sie wirft sich (selbstbewußt) in die Brust und versteht sich als Ausweg, ohne daß man irgendwelchen Leuten aus Ergebenheit durch Kapitulation – „die oben machen eh was sie wollen“ – den Schwanz lutschen muß.

Die digitalen Bohemiens hängen nicht rum, sondern entwickeln Konzepte, Blogs, Labels, Marken, Ideen – wie auch immer sie aussehen mögen. Sie arbeiten nicht an einer Gegenkultur, weil man mit der Kultur den Kapitalismus nicht umhaut (vor allem, wenn man nebenbei für Werbeagenturen arbeiten muß, damit Geld in die Kasse kommt). Sie bewegen sich mit ihren Angeboten und Nachfragen in dem riesigen kleinteiligen Mark des digitalen Netzes (gleich Händlern und Handwerkern auf einem Basar in Istanbul). Sie finden Bürgergeld sinnvoll, Revolution übertrieben. Sie haben das starke Gefühl, einen Zipfel der Zukunft in der (oft leeren) Hand zu halten und neue Formen der Arbeit zu antizipieren. Geld spielt nicht die erste Rolle in ihrem Leben, sondern Autonomie. „Bessere Mitarbeiter findet unsere Gesellschaft nicht wieder“, so ihre unverbrüchliche Meinung!

Ein prosaischer „Steppenwolf“.

Für sie gibt es keinen Feierabend, sie trennen nicht streng zwischen privat und beruflich. Sie sind die Steppenwölfe der städtischen Flußufer, Parks und Cafès. Sie möchten aufs Ganze gehen. Sie sind die Nomaden einer cool gang of alternative society„. Ohne das
World Wide Web und die technologischen Errungenschaften der letzten Jahre gäbe es sie nicht. Und es wird ihnen, wenn die Technik der Datenströme sich weiter so rasant entwickelt, immer besser gehen. Sie sitzen auf dem richtigen Zweig, wenn sie auch nicht Millionäre werden. Die Sonne, sie scheint gelb, und der Himmel ist frisch blau; man wird völlig neugierig.

Man möchte sofort ins Café Sankt Oberholz gehen und Konzepte, Labels, Programme, Ideen und Werbesprüche entwickeln wie, „ich trinke Jägermeister, weil mein Dealer im Knast sitzt.

Am besten man verschenkt das Buch zu Weihnachten an die jungen Leute rund um einen herum, die noch nicht wissen, was sie später werden wollen, aber mitbekommen haben, daß alle Bürostühle schon besetzt sind und es sehr langweilig sein kann, sich davor in einer Warteschlange anzustellen. Und: „Wer zu lange wartet, den bestraft Hartz IV!

Diese Bohemiens! Viel Hoffnung auf gutes Gelingen gemacht! Lebensstil fürs digitale Zeitalter. Eine Anleitung zum selbständigen Glücklichwerden. Eine Aufforderung zum Ausstieg aus dem alten schleppenden Alltag, der um 9 Uhr beginnt und um 18 Uhr endet. Man muß sich nur technisch in Schwung bringen und eine Art Hippieleben führen – mit ganz viel High-Tech – und wissen, was da draußen im WWW – im zweiten Leben – passiert, das dem ersten Leben häufig sagt, wo es langgehen soll.

Und immer der fröhliche, der Refrain auf den Lippen (Sie lieber Leser, Sie dürfen mitsummen):

Etwas Besseres als die Festanstellung finden wir allemal!

Peter Christian Nowak , Petra Karl , Dirk Grund
Redaktion: !Tacheles – Im Namen des Volkes?!

Gemeinschaft für Aufklärung!

Bürger TV!

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